Wer seinen E-Mail-Anbieter wechseln will, steht schnell vor einem unübersichtlichen Markt. Kostenlose Dienste werben mit unbegrenztem Speicher, kostenpflichtige mit Datenschutz, und dazwischen gibt es Dutzende Angebote, die sich kaum unterscheiden. Dabei ist die Wahl des richtigen Anbieters keine Kleinigkeit: E-Mails enthalten Kontoauszüge, Arzttermine, Vertragsunterlagen. Was also taugen die gängigen Dienste wirklich?
Die Kandidaten im Überblick
Für diesen Vergleich wurden sechs Anbieter über vier Wochen im Alltag getestet: Gmail (Google), GMX, Web.de, Posteo, ProtonMail und Tutanota. Das Testfeld deckt das gesamte Spektrum ab: vom kostenlosen Massenanbieter bis zum auf Datenschutz spezialisierten Bezahldienst. Bewertet wurden Benutzeroberfläche, Spam-Filterung, Speicherplatz, Datenschutzpraxis, mobile App und Preis-Leistung.
Vorweg: Es gibt keinen universell besten Anbieter. Wer täglich 200 E-Mails bearbeitet, braucht andere Prioritäten als jemand, der hauptsächlich Newsletter empfängt und gelegentlich mit Behörden korrespondiert.
Datenschutz: Wo Ihre Daten wirklich landen
Google und Meta sind Werbeunternehmen. Das ist keine Kritik, sondern eine Tatsache, die bei der Einordnung hilft. Gmail analysiert Metadaten, und obwohl Google seit 2017 keine E-Mail-Inhalte mehr für personalisierte Werbung auswertet, bleiben die Server in den USA und damit dem Zugriff durch US-Behörden nach dem CLOUD Act grundsätzlich zugänglich.
Anders sieht es bei deutschen Anbietern aus. GMX und Web.de betreiben ihre Server in Deutschland, unterliegen der DSGVO und werben mit dem TÜV-zertifizierten Datenschutz. In der Praxis bedeutet das jedoch: Beide finanzieren sich über Werbung und erstellen Nutzerprofile auf Basis von Verhaltensdaten innerhalb ihrer Portale.
Posteo, ProtonMail und Tutanota gehen einen grundsätzlich anderen Weg. Alle drei verschlüsseln E-Mails Ende-zu-Ende, wenn beide Seiten denselben Dienst nutzen, und verzichten auf Werbung. Posteo kostet 1 Euro pro Monat, ProtonMail und Tutanota bieten eingeschränkte Gratisversionen an, die für den Alltag oft ausreichen.
Spam-Filterung im Praxistest
Hier zeigte sich einer der deutlichsten Unterschiede. Im Testzeitraum wurden über einen neu eingerichteten GMX-Account innerhalb von drei Wochen 47 Spam-Nachrichten empfangen, davon landeten 11 im Posteingang. Bei Gmail schafften es im gleichen Zeitraum nur 3 Spam-Mails durch den Filter, obwohl die Testadresse ähnlich häufig auf Testseiten eingetragen wurde.
ProtonMail schnitt bei der Spam-Erkennung schwächer ab als erwartet: 8 unerwünschte Nachrichten im Posteingang, darunter zwei Phishing-Versuche, die beim Gmail-Test korrekt aussortiert worden waren. Posteo lag im Mittelfeld mit 5 durchgerutschten Spam-Mails. Tutanota zeigte das konstanteste Verhalten mit nur 2 Fehlern, allerdings bei deutlich geringerem E-Mail-Aufkommen im Testzeitraum.
Speicherplatz, Oberfläche und mobile Nutzung
Gmail bietet 15 GB kostenlosen Speicher, allerdings geteilt mit Google Drive und Google Fotos. Wer viele Anhänge empfängt, stößt schneller ans Limit als gedacht. GMX und Web.de werben mit „unbegrenztem“ Speicher, setzen aber Fair-Use-Grenzen, die im Kleingedruckten stehen und bei sehr intensiver Nutzung greifen können.
Posteo stellt 2 GB zur Verfügung, erweiterbar auf bis zu 20 GB für monatlich 0,25 Euro pro zusätzlichem Gigabyte. Das reicht für die meisten Nutzer problemlos. ProtonMail gewährt in der kostenlosen Version lediglich 1 GB, was bei regelmäßigem Anhang-Empfang schnell eng wird.
Bei den Apps überzeugte Gmail mit der ausgereiftesten mobilen Erfahrung: Offline-Zugriff, Push-Benachrichtigungen ohne Verzögerung, durchdachte Wischgesten. Die GMX-App wirkte im Vergleich überladen, mit Werbebannern, die auch in der kostenlosen Version schwer zu ignorieren sind. Die Proton-App hat sich in den letzten zwei Jahren stark verbessert, ist aber bei komplexen Ordnerstrukturen noch nicht so flüssig wie die Konkurrenz.
Was unabhängige Tests bestätigen
Die Ergebnisse dieses Praxistests decken sich weitgehend mit dem, was unabhängige Verbraucherschützer messen. Das VerbraucherschutzMagazin.de hat im aktuellen Jahresvergleich ähnliche Schwerpunkte gesetzt und kommt in mehreren Kategorien zu vergleichbaren Einschätzungen, besonders was die Diskrepanz zwischen Datenschutzversprechen und tatsächlicher Praxis angeht.
Interessant ist dabei, dass kostenpflichtige Anbieter nicht automatisch in allen Disziplinen gewinnen. Ein Euro pro Monat kauft mehr Datenschutz, aber nicht zwingend bessere Spam-Filter oder eine komfortablere Oberfläche.
Für wen eignet sich welcher Dienst?
Eine pauschale Empfehlung wäre hier falsch. Stattdessen eine ehrliche Einordnung nach Nutzungsprofil:
- Alltag, Bequemlichkeit, Google-Ökosystem: Gmail ist nach wie vor der ausgereifteste Dienst in Sachen Filterung und mobile App. Wer bereits Google Drive nutzt, profitiert von der nahtlosen Integration.
- Datenschutz ohne Aufwand: Posteo ist die einfachste Wahl. Keine Werbung, deutsche Server, faire Preise, solide App. Der Einstieg kostet weniger als eine Ausgabe einer Tageszeitung pro Monat.
- Maximale Verschlüsselung: ProtonMail und Tutanota für alle, die mit Journalisten, Anwälten oder Ärzten kommunizieren und höchsten Wert auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung legen. Beide sind in der Schweiz beziehungsweise in Deutschland ansässig und unterliegen strengeren Datenschutzgesetzen als US-Anbieter.
- Kostenloser Einstieg ohne Datenweitergabe: Tutanota bietet hier den besten Kompromiss, solange der 1-GB-Speicher ausreicht.
- GMX und Web.de: Für Nutzer, die seit Jahren dabei sind und keine Bereitschaft sehen, ihre Adresse zu wechseln, ist ein Wechsel oft der falsche Aufwand. Wer aber neu anfängt, findet bessere Optionen.
Fazit: Nicht der günstigste, sondern der passende Anbieter
Die meisten Menschen wechseln ihren E-Mail-Anbieter seltener als ihren Stromanbieter. Das ist nachvollziehbar, denn eine gewachsene E-Mail-Adresse hängt an Konten, Abonnements und Kontakten. Trotzdem lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Frage, wem man eigentlich Zugang zu einem der persönlichsten digitalen Kommunikationskanäle gibt.
Der Testsieger in diesem Vergleich hängt von der eigenen Gewichtung ab. Wer Bequemlichkeit und Filterqualität priorisiert, landet bei Gmail. Wer Datenschutz und einen fairen Preis sucht, bei Posteo. Wer maximale Verschlüsselung braucht, bei ProtonMail oder Tutanota. Alle drei Präferenzen sind legitim, solange die Entscheidung bewusst getroffen wird.
